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Gräber polnischer Zwangsarbeiter

Gedenkstein mit weiß-roter Sommerbepflanzung © A.Bergemann

In der NO-Ecke des Friedhofs, am Ausgang zur Waldstraße, liegen Gräber polnischer Zwangsarbeiter. Dass sie im damals noch unbelegten Quartier XIII am Friedhofsrand beigesetzt wurden, geht auf eine Anordnung des Landeskirchenamtes vom 20.11.1942 zurück:

Betrifft: Bestattung von Zivilpolen.
      Für die Bestattung von Zivilpolen sind von zentraler staatliche Seite her bisher keine Anordnungen ergangen. Es entspricht dem allgemeinen Volksempfinden, daß Zivilpolen nicht neben deutschen Volkgenossen bestattet werden. Wir ordnen deshalb an, daß Zivilpolen, soweit solche nicht auf besonderen Friedhöfen bestattet werden können, auf einem besonderen Teil des allgemeinen Friedhofs beerdigt werden.
gez. Dr. Kinder

Das Quartier XIII war 1938 im Rahmen einer Friedhofserweiterung angelegt worden. Die Grabnummern 1 - 5 zeigen, dass die Gräber als erste in diesem Quartier in der äußersten Ecke, vor dem damaligen Lagerplatz, angelegt wurden.

Nachdem eine Landeskirche nach den Regeln für die Beisetzung nicht-sowjetischer Kriegsgefangener gefragt hatte, die in der Landwirtschaft eingesetzt waren, hatten die Landeskirchenämter eine Verfügung des Oberkommandos der Wehrmacht vom Oktober 1942 weitergegeben:
  "Ist die Zugehörigkeit des Toten zu einem christlichen Glaubensbekenntnis anzunehmen, so hat die Beerdigung auf Anforderung der zuständigen militärischen Dienststelle durch den nächsterreichbaren Wehrmachts- oder Zivilgeistlichen .... zu erfolgen. Sie ist in schlichter Form (ohne Assistenz und nur mit kurzer Würdigung) zu halten. Tote, die einem nichtchristlichen Glaubensbekenntnis angehören, sind in schlichter, würdiger Form weltlich zu beerdigen. .....
  Wir betonen ausdrücklich, daß sich diese Regelung nicht auf sowjetische Kriegsgefangene bezieht, deren Bestattung ..... unauffällig durchzuführen ist."

Hier wurden noch im Tode die sowjetischen Kriegsgefangenen diskriminiert, galten sie doch als "Untermenschen".

Im Jahre 1947 wurde per Kirchl. Gesetz- und Verordnungsblatt eine Auflistung der beerdigten Zivilpolen angefordert. Die Trittauer Liste folgt hiernach:

Verzeichnis der auf dem Friedhofe zu Trittau Bezirk Hamburg beerdigten polnischen Staatsangehörigen

Die mit Datum 14. Juli 1947 vom Kirchenvorstand unter Pastor v.Felde aufgestellte Liste führt folgende Namen auf:

Stassczak, Jan, geb. 24.12.1912 in Sklary, Krs. Krakau, gest. 24.06.1942 in Großensee

Goralski, Adam, geb. 1912, gest. 25.02.1944

Sabek, Antoni, geb. 13.06.1871 in Modrzevize, Krs. Ilza, gest. 10.11.1944 in Grönwohld

Wyeiszkiewicz, Sophie (Säugling), geb. 15.07.1944 in Lütjensee, gest. 17.07.1944 in Lütjensee

Jäme (Totgeburt), 14.03.1945 in Grönwohld, Mutter Elveene Jäme aus Grönwohld

Kriwalski (auch Gryzywalski), Stefan, geb. 02.10.1920 in Lekorth [recte Lekarth], Krs. Löbau, gest. 05.11.1945, erschossen bei Rausdorf

Die zwei Kinder waren zwar polnische Staatsbürger, gelten aber nicht als Kriegsopfer. So traurig ihr früher Tod war, reiht er sich doch ein in die hohe Kindersterblichkeit der Zeit: Der Anteil im Alter von unter 7 Jahren gestorbener Kinder betrug 1943 15,1% der insgesamt Beigesetzten, 1944 5,6%, 1945 18,5% (hierbei auch vier Kinder bis zu 15 Jahren).

Gedenkstein statt der Holzkreuze

Die alten Holzkreuze © A.Bergemann

Die verwitterten Holzkreuze für drei polnische Staatsangehörige waren zuletzt in einem Zustand, der weiteres Aufarbeiten nicht mehr zuließ. Der Friedhofsausschuß im Kirchengemeinderat beschloß daher die Aufstellung eines gemeinsamen Gedenksteins an derselben Stelle. Auf diesem Stein steht auch der vierte Tote der Liste von 1947, Stefan Grywalski, obwohl er nicht als Kriegsopfer gilt.

Bei der Prüfung der Schreibweisen der Namen sowie der Herkunftsorte war Herr Sorgowicki, Vizekonsul der Republik Polen in Hamburg, sehr behilflich.

Aufstellen des Steins © Asmus Bergemann

Der Stein ist ein Findling. Die gärtnerische Anlage mit Bodendeckern hat vor dem Stein ein kleines Feld, das weiß-rot in den Farben der polnischen Flagge bepflanzt ist.

Die Anlage wurde im November 2015 im Beisein des Vizekonsuls und der Spitzen der Kommunen eingeweiht. Er steht nun - wie auch schon die Holzkreuze - unter dem Schutz des Gesetzes über die Sorge für die Kriegsgräber (Kriegsgräbergesetz). Das Ministerium für Inneres und Bundesangelegenheiten des Landes Schleswig-Holstein übernahm die Kosten für den Stein und die beteiligt sich an der laufenden Unterhaltung.

 

 

Detaildaten

Die Durchsicht des Standesamtsregisters Trittau, Recherchen im Internet und die Nachforschungen des Polnischen Generalkonsulats Hamburg ergaben folgendes an Korrektur und Ergänzung (die Lage auf der Karte nur ungefähr!):

Jan Staszczak, geb. 24.12.1912 Sklary / Kreis Krakau - gest. 24.6.1942 Großensee / Landwirtschaftlicher Arbeiter (Zivilarbeiter) / "An Herzschwäche im Großensee ertrunken". Sklary (Szklary?) ist ein Dorf ca. 20 km nordwestlich von Krakau (in der Karte S).

Adam Góralski, geb. 1912 / Geburtsort unbekannt, Heimatort Przemyślany, Kreis Lemberg - gest. 25.2.1944 Hohenfelde - Landarbeiter - "Epilepsie - Hirnschwellung". Przemyślany ist eine Stadt c. 46 km südöstlich von Lwiw / Lemberg, heute in der Ukraine (in der Karte P).

Antoni Sabek, geb. 13.8.1871 Modrewize / Kreis Ilza, Masowien - gest. 10.11.1944 Grönwohld - Landarbeiter - "Bronchialasthma, Altersschwäche, Kreislaufschwäche". Ilza ist eine Stadt ca. 120 km südlich von Warschau (in der Karte M).

Stefan Grywalski, geb. 2.10.1920 Lekarth / Kreis Löbau, Reg.-bez. Marienwerder - gest. 3.11.1945, 09:30 Rausdorf - Mechaniker (Konsulatsangabe)/Student Ingenieur (Standesamtsangabe) - "Schußverletzung rechte Brustseite". Lekarth ist ein Dorf ca. 9 km nordwestlich Nowe Miasto Lubawski / Neumark (in der Karte L).

 

 



Zum Tod des Grywalski

Grywalski kam durch eine "Schußverletzung rechte Brustseite" am 03.11.1945, morgens gegen 09:30 Uhr, "bei Rausdorf" ums Leben. Das Datum 3.11.1945 führte zu weiteren Recherchen mit bisher folgendem Ergebnis:

Gr. lebte laut Standesamtsregister Trittau im Lager Wiesenfeld in Glinde (zwischen Trittau und Hamburg). Das Lager entstand 1942 zur Unterbringung von Arbeitskräften für das Kurbelwellenwerk, das Kurbelwellen für Flugzeugmotoren herstellte. Gr. wird im Sterberegister als Student Ingenieur, in den polnischen Unterlagen als Mechaniker bezeichnet, was gut zu einer Tätgkeit in diesem Werk paßt.

Im einem Artikel über das Werk im Jahrbuch 2015 des HeimatBundes Stormarn wird auf Seite 167 von einem Zwangsarbeiter berichtet, der bei der Schönningstedter Mühle erschossen worden sein soll, im Begleitheft zu einer Ausstellung in Glinde über das Werk (Stadtarchiv Glinde 2014) wird auch davon berichtet, dass sich die Leute im Chaos des Zusammenbruchs Waffen aneignen konnten. Ob Gr. nun bei einem Schußwechsel mit anderen aus dem Lager oder mit einer Streife der deutschen Polizei oder der britischen Militärpolizei zu Tode kam, muß offen bleiben. Auch unklar bleibt, was er in der Feldmark zwischen Rausdorf und Witzhave wollte, mehr als zehn Kilometer vom Lager entfernt. Ziel könnten die dort liegenden Einzelhöfe gewesen sein, aber das muß Spekulation bleiben.

Bemerkenswert ist, dass der Geburtsort dem Standesamt vom Bruder aufgegeben wurde. Es muß also einen Kontakt zu diesem gegeben haben, wobei offen bleibt, wann der Nachtrag erfolgte und von woher.

Das Grab des Grzywalski zählt nach der Definition des "Gesetzes über die Erhaltung der Gräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft" nicht zu den zu erhaltenden Gräbern. Weil wir aber vermuten, dass er nicht freiwillig im Kurbelwellenwerk Glinde arbeitete - dagegen spricht schon die Unterbringung in Lagerhaft -, führen wir ihn auf dem Gedenkstein mit auf.

(A.Bergemann)