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Rudolph und Bertha Schülke

Als Ende der 1960er/Anfang der 1970er Jahre der Friedhof überplant wurde, wurde die Ruhezeit generell auf 25 Jahre begrenzt, und wurden Gräber eingeebnet, deren Ruhezeit abgelaufen war. So verschwand auch die sehr vernachlässigte Grabstelle Schülke, die im Quartier I am westlichen Zaun neben der Hardersschen Grabstelle gelegen hatte.

Wer nun waren die dort beigesetzten Rudolph und Bertha Schülke gewesen? Wer immer mit Desinfektion zu tun hat, kennt die Desinfektionsmittel „Lysol" und „Sagrotan", hergestellt von der Schülke & Mayr GmbH. Über den Unternehmer Rudolph Albert Otto Schülke und seine Ehefrau Bertha Louise Maria, geborene Segler, hat ein Urgroßneffe von Bertha Schülke, Wolfgang von Schachtmeyer, das hier folgende zusammengetragen. Der Text wurde überarbeitet, gekürzt und aus anderen Quellen ergänzt.

Bertha Louise Maria Segler wurde am 8.8.1846 auf Gut Sichts/Zychce im Kreis Schlochau/Pommern geboren. Die Familie Segler war durch umfangreichen Waldbesitz in Westpreußen und durch Holzhandel reich geworden. Bertha und ihre Geschwister erhielten bei der Heirat hohe Beträge Goldmark. Als sie den Schiffs­kapitän Rudolph Herrmann Joseph Schülke heiratete, den 1845 in Berlin geborenen Sohn eines Danziger Postcommissarius, war das Paar also wohlhabend.

Schülkes zogen nach Altona bei Hamburg, das den von Bertha mit in die Ehe gebrachten Segelschiffen einen geeigneten Hafen bot. In Hamburg wurde am 23.03.1881 der Sohn Kurt Waldemar Rudolf geboren.

Rudolf Schülke war ein sehr tüchtiger Kaufmann. Er handelte zunächst mit Brühwürfeln aus Fleischextrakten, die er aus Antwerpen von seinem Geschäftsfreund Mayr-Bertheau bezog. Dieser machte ihn im Juni 1888 auf eine Entdeckung aufmerksam, die der österreichische Chemiker Dr. Raupenstrauch im Januar 1888 im Forschungslabor Prof.Dr.Meinecke in Wiesbaden zufällig gemacht hatte. Raupenstrauch befaßte sich unter anderem mit Desinfektionsmitteln. Es gelang es, ein wasserlösliches Desinfektionsmittel herzustellen, dessen antimykotische Wirkung dreimal stärker war als das der bisher verwendeten reinen Karbolsäure (Phenol). Der Name „Lysol" entstand aus „li(Ly)quide" und „sol" aus Kresol. Nun suchte man nach einem potenten Käufer für die Erfindung, für die Reichspatentamt im Mai 1888 das Weltpatent erteilt hatte.

Bertha und Rudolf Schülke waren durch den Hinweis ihres Freundes und Geschäftsfreundes Mayr-Bertheau an dem Kauf interessiert. Sie sollten für den Erwerb des Weltpatents 50.000 Goldmark an Prof. Dr. Meinecke, zahlen, ausserdem die Hälfte des mit dem Weltpatent erwirtschafteten Gewinns, womit sie sich einverstanden erklärten.

Vor dem Kauf ließen Bertha und Rudolf Schülke den bekannten Dr. Robert Koch Lysol auf seine Tauglichkeit zur Bakterienvernichtung untersuchen und luden ihn auf den Heinrichshof ein. Dr. Koch bestätigte nach seiner Untersuchung, dass Lysol das einzig wirksame Mittel zur Vernichtung von Bakterien sei. Daraufhin kaufte Rudolf Schülke das Weltpatent. Er schloss sich mit seinem Geschäftsfreund Mayr-Bertheau zur Offenen Handelsgesellschaft in Firma Schülke & Mayr OHG zusammen, die im August 1888 ihren Geschäftsbetrieb in Hamburg im Moorfurthweg aufnahm. „Sagrotan" war ab 1913 die Weiterentwicklung des bewährten „Lysol" für private Haushalte.

Das Produktionsgebäude aus rotem Backstein steht heute noch im Moorfurthweg in Hamburg, auch das auf dem Fabrikhof gegenüberliegende Verwalt­ungs­gebäude, heute das Stadtteilkulturzentrum Goldbekhaus.

1892 brach in Hamburg die Cholera aus. Auf Anraten von Dr.Robert Koch setzte man dann auf einen Senatsbeschluss hin dem Trinkwasser kurzzeitig Lysol zu, das nur geringfügig giftig ist. Für ihr Engagement zur Bekämpfung der Cholera erhielt die Firma Schülke & Mayr OHG nach Beseitigung der Cholera den Hamburger Ehrenbrief, den sie heute noch besitzt.

Rudolf Schülke hatte sich in der Blumenstrasse 39 in Hamburg angekauft, zwischen Alster und Rondeel. Er konnte von dort aus seine Lysolfabrik im Moorfurthweg gut zu Fuß mit einem Spaziergang entlang der Alster erreichen.

Den Kontakt zur Seefahrt hatte Schülke nicht verloren: Er besaß im Hamburger Frei­hafen die berühmten „Kaffeeklappen", einfache Imbisstuben für die Seeleute und Hafenarbeiter, in denen man sich für 10 Pfennig eine sehr grosse Tasse Kakao und einen grossen Berliner kaufen konnte, die dort im grossen Fettkessel frisch zubereitet schwammen. Er unterhielt auch mehrere Seemannhotels im Hamburger Hafen, in denen die Seeleute gut und billig für eine Mark übernachten und frühstücken konnten.

Heinrichshof © Kg trittau

Im Jahre 1898 kaufte Schülke das kleine Gut „Heinrichshof" (rd. 250 ha, zusammengewürfelt aus drei Bauernhöfen), gelegen zwischen Witzhave und Rausdorf; es sollte Bertha an ihre Heimat erinnern. Als das alte Herrenhaus abbrannte, wurde es um die Jahrhundertwende neu errichtet, und zwar auf Rausdorfer Grund, weil Bauherr und die Gemeinde Witzhave sich nicht über den Standort einigen konnten. Auf dem Gut wurde auch eine Entenfarm betrieben.

Der Absatz des Lysols, das extrahiert in Fässern vertrieben wurde, nahm stark zu. Vor allem die Vereinigten Staaten von Amerika entfalteten einen Bedarf, den man durch die Verschiffung von Hamburg aus auch nicht annähernd decken konnte.

Bertha Schülke starb am 26.06.1919 auf Gut Heinrichshof und wurde auf dem Trittauer Friedhof in einem Erbbegräbnis beigesetzt, wo auch ihr Ehemann Rudolph später bestattet wurde.

Nach mehreren Verkäufen gehört der industrielle Teil des Unternehmens Schülke & Mayr GmbH, der Lysol herstellt,  jetzt zur französischen Air-Liquide-Gruppe, während Sagrotan von Reckitt Benckiser Deutschland GmbH, Mannheim, hergestellt wird.