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Ehrenmale für Weltkriegstote auf dem Friedhof

Pastor Eggert Sommerfeldt © Kg Trittau
Entwurf & Spendenaufruf © Kg Trittau
Ehrenhain (zeitgen. Postkarte) © Amtsarchiv Trittau
Einzelgräber im Ehrenhain (zeitgen. Postkarte) © Amtsarchiv Trittau
Hauptstein mit Adler, Eisernem Kreuz und Inschrift © A.Bergemann
Einzelgrabstein © A.Bergemann
Kommunales Ehrenmal © A.Bergemann
Kommunales Ehrenmal zum 2.Weltkrieg © A.Bergemann

»Für Kaiser und Reich − Gott mit uns.«

1914 begann der Erste Weltkrieg, 42 Jahre nach Ende des Einigungskrieges 1870/71. Die Stimmung der Bevölkerung reichte von tiefer Unsicherheit bis zu Kriegsbegeisterung. 17 Millionen Menschen verloren in den mörderischen Schlachten bis 1918 ihr Leben.

Danach verhinderten Trauer und Schrecken nicht, dass nationale und militärische Ambitionen bald wieder erstarkten. Ein sichtbarer Ausdruck dafür sind die Kriegerdenkmäler, die in den zwanziger Jahren in fast allen Städten und Dörfern der beteiligten Länder errichtet wurden. Stimmen des Protestes und der Vernunft wurden überhört.

Auf unserem kirchlichen Friedhofs gibt es zwei Ehrenmale, eins des Kirchspiels - heute der Ev.-luth. Kirchengemeinde - Trittau und eins der Gemeinde Trittau. Beide wurden von Pastor Eggert Sommerfeldt entworfen, der Nachfolger des 1912 verstorbenen Pastors Jessen war und bis zur Pensionierung 1930 in Trittau wirkte. Das Ehrenmal der Gemeinde wurde 1955 um das Ehrenmal für Tote des Zweiten Weltkriegs erweitert.

Schon im Herbst 1918 begann man mir der Anlage eines Ehrenhains auf dem Friedhof mit Gräbern von 18 hierher übergeführten oder hier gestorbenen Soldaten der Kirchengemeinde; dazu gab es Erinnerungs­gräber. Die im Mai 1919 eingeweihte Anlage bestand aus dem noch vorhandenen Zentral­stein mit dem krönenden Adler und umstehenden kleineren Steinen für jedes Dorf. Die Idee ging von Pastor Sommer­feldt und dem Kirchen­ältesten Freiherr von Stoltzenberg aus, der Entwurf stammte von Sommerfeldt. Den Spruch auf dem Zentralstein - „Wehrlos das tapferste Heer, trifft es der Speer in den Rücken. Unfrei das freie­ste Volk, wenn es sich selber verliert.“ - hatte Sommer­feldt „einer Zeitung aus der Zeit der Nationalversammlung“ entnommen. Dieser Spruch bezieht sich auf die so genannte „Dolchstoßlegende“, die den Linksparteien unterstellte, dem an sich siegreichen Heer an der „Heimatfront“ in den Rücken gefallen zu sein. Es gab sehr schnell Wider­spruch, besonders seitens der in Trittau von dem Postboten F. Rüffert geführten SPD. In den unruhigen Zeiten unterblieb die verlangte Entfernung, weil sich der Kirchenvorstand mit der Behaup­tung, eine Ent­fernung würde „einen Sturm der Kirchen- und Staatser­haltenden Kreise herauf­beschwören“, auch beim Regierungspräsidenten (SPD) durchsetzte. Hier zeigt sich die von Ebert 1918 vorgegebene Linie, den Staat bei behutsam geänderter Regierungsform zu erhalten und einen sozialistischen Umsturz nach bolschewistischem Muster zu verhindern. Weder das Konsistorium (heute Landeskirchenamt) in Kiel noch die Provinzialregierung wollten sich engagieren; die Zeiten waren allgemein mit Demonstrationen, Putschen und Morden zu aufgeregt. Der Ehrenhain wurde nach langer Vernachlässigung in den 1980er Jahren aufgelöst. Heute steht noch der Zentralstein, von Rhododendren umstanden, um die herum einige der Grabsteine gesetzt wurden.

Als die Militärvereine und andere kaisertreue Traditionsverbände in den Dörfern die Aufstellung eigener Ehrenmale veranlaßten, beschloß schließlich auch der Trittauer Militärverein unter Oberst a.D. Freiherr von Stoltzenberg ein Ehrenmal der Gemeinde Trittau. Wieder lieferte Pastor Somerfeldt den Entwurf. Die Idee dazu sei ihm in der Karwoche gekommen, nach Rückkehr vom Besuch bei Konfirmanden in Witzhave: "Wie es weiter vor sich ging, als ich, zu Hause angekommen, müde und abgespannt nach dem Nibelungenbuch griff, darnach im Halbschlaf eine Art Felsengrab u. Hügel aus Findlingen auf ein Briefkuvert hinstrichelte, ist mir in lebhafter Erinnerung geblieben: Ein 3 meter langer Granitbalken bildete den oberen Teil einer Grabtür (Karfreitag, ‚Friede’ von Versailles), auf demselben ‚aufgehende Sonne’ (Ostern, Symbol der vaterländischen Neugeburt in Hoffnung)". Einen Granitbalken fand er bei Rudolf Scharnberg, die spitzen "Felssteine" durch Sprengung eines Findlings in der Feldmark. Das Ehrenmal wurde auf dem an der Straße liegenden Teil des Friedhofs erbaut, den die Kirchengemeinde der Gemeinde "zur dinglichen Nutzung" überließ, wobei die Gemeinde für den Unterhalt aufzukommen hatte. Das Denkmal wurde am Totensonntag 1926 eingeweiht; es löste das Mal auf dem Friedhof als Gedenkort des Volkstrauertages ab.

Vor dem kommunalen Ehrenmal wurde 1955 ein Ehrenmal für die Toten des Zweiten Weltkriegs angelegt, gestaltet von dem Bildhauer Richard Kuöhl. Kuöhl hat mehrere Denkmale geschaffen, er war bekannt auch für Bauplastiken, zum Beispiel an Kontorhäusern in Hamburg.

Die Gesamtanlage an der Bahnhofstraße wurde 2012 unter Denkmalschutz gestellt. Im Bescheid heißt es: "Das Trittauer Doppel-Ehrenmal stellt aus historischen und künstlerischen Gründen ein Denkmal von besonderer Bedeutung dar. Die Entwurfsidee einer symbolischen Felsengruft mit Oster-Sonne als Symbol der Auferstehung verdeutlicht die auch in der Weimarer Republik noch fortdauernde, konservative Idee einer 'Einheit von Thron und Altar', wie sie auch von dem Mitglied des Trittauer Kirchenvorstands, Oberst a.D. Maximilian Freiherr von Stolzenberg (1869-1949), Mitglied des republikfeindlichen Stahlhelm-Bundes der Frontsoldaten, propagiert wurde. ..... Es ist das einzige Ehrenmal für die Gefallenen des 1. Weltkrieges in dieser Form in Schleswig-Holstein und fand damals als Soldatenmal in "einzigartiger und vorbildlicher Weise" deutschlandweit Beachtung. Demgegenüber zeigt das Denkmal des 2. Weltkriegs durch die gärtnerische Parkanlage und die bildhauerisch bearbeitete Reliefplatte die gewandelte Auffassung eines Totengedenkens. Lediglich das Eiserne Kreuz und der Anfang des Soldatengrabliedes sind nach wie vor militärische Symbole, die jedoch auf die Napoleonischen Befreiungskriege zurückgehen."

 

Die in der Begründung genannte "Einheit von Thron und Altar“ geht auf Martin Luther zurück: Hatten zu Beginn der Reforma­tion zunächst einzelne Gemeinden eigene Kirchenordnungen entwickelt, setzte Luther gegen Ende des Bauernkriegs 1525 auf eine Oberaufsicht durch die „Obrigkeit“, also die Landesherrschaft, über Kirche und Schule, während in Hessen eine synodale Kirchenverfassung angestrebt wurde. Weil die bisherigen Bischöfe die Reformation nicht mittragen wollten, bat Luther die reformatorischen Herrscher, das Bischofsamt als Notbischöfe zu übernehmen. Was als Notlösung bis zu einer umfassen­den Neuordnung durch ein Konzil gedacht war, entwic­kelte sich jedoch in den protestantischen Kirchen zu einem langlebigen Instrument, das erst 1918 endete.

Mit der Weimarer Verfassung verloren die evangelischen Kirchen durch die Absetzung der Fürsten ihre oberste Leitungsebene. Vor diesem Hintergrund wird Sommerfeldts Haltung verständlich.

"Heute können Deutschland und fast alle Staaten Europas auf eine lange Periode ohne Krieg zurückblicken. Doch solange dieser Frieden auf Rüstung und militärischen Optionen beruht, bleibt er gefährdet und gefährdet andere. Wer ernsthaft einen stabilen Frieden will, kommt nicht umhin, sich mit den Ursachen und Folgen der Kriege des letzten Jahrhunderts auseinanderzusetzen" (aus der Dokumentation DenkMal! der Nordkirche). Auch die Einigung Europas ist gefährdet durch den weithin wieder erstarkenden Nationalismus.

Die Hinweistafel am Ehrenmal beider Weltkriege

© A.Bergemann / Deseldruck
© A.Bergemann

Diese Entwicklung veranlaßte die Kirchengemeinde und die Gemeinde Trittau, bei dem doppelten Ehrenmal an der Bahnhofstraße eine Tafel aufzustellen, die den Hintergrund der Ehrenmale aufzeigt. Angeregt wurde der Entschluß auch durch die unter dem Dach der Nordkirche entwickelte Website DenkMal!, Ehrenmale dieser Art nicht in einem Bildersturm zu entfernen, sondern als Mahnung zu erhalten, sie zu erläutern und im Einzelfall zu verändern oder zu ergänzen. Finanziell gefördert wurde die Aufstellung durch die Trittauer Stiftung zur Förderung der Geschichtskultur.

Die Tafel wurde zum Volkstrauertag 2018 aufgestellt, einhundert Jahre nach Ende des I. Weltkriegs.