SCHLIESSEN

Auf einen Blick

Suche

Gedanken zu Tod und Friedhof

Abschiednehmen bewusst gestalten - der Trauer Raum geben

 "Ein Mensch verlöscht nicht einfach"

Trittau (mp). Ganz zentral im Ort, direkt an der stark befahrenen Kirchenstraße und in unmittelbarer Nähe zur Martin-Luther-Kirche liegt in Trittau der alte Friedhof. Nur noch selten sind Friedhöfe in Wohngegenden zu finden, die neu angelegten befinden sich zunehmend an den Ortsrändern. So kann hier der Trauerzug immer noch traditionell von der Martin-Luther-Kirche durch die Öffentlichkeit geführt werden. "Er führt an drei Kindergärten vorbei, für die Kinder ist es ein vertrautes Bild", sagt Pastor Matthias Heitmann und fügt hinzu: "Sie sollten schon früh an diesen Bereich des Lebens herangeführt werden. Wir gehen auch mit Kindergartengruppen häufig über den Friedhof. Man stirbt nicht in der Trauer, sie gehört zum Leben dazu. Es gibt kein Glück oder Erfüllung, wenn man versucht, grenzenlos zu leben. Der Mensch verlöscht nicht einfach und man pflegt das auch." Er halte es für äußerst wichtig, dass sich jeder und zu jeder Zeit mit dem Gedanken des Sterbens auseinander setzen müsse. "Ich denke, manche üben da nicht, die Kirche steht dafür", so der Pastor.

Fast parkähnlich angelegt hat sich der sehr gepflegte Friedhof in großen Bereichen seiner Gestaltung über die vielen Jahre verändert, aber nichts von seiner Idylle verloren. Auffallend sind die alten Familiengräber, die fast als Gruppe mit ihren großen Findlingen als Grabsteine auf einem leicht hügeligen Gelände unter hohen, lichten Bäumen liegen. In einem anderen Bereich erinnern drei schlichte Holzkreuze als Dauergräber an drei polnische Zwangsarbeiter. Gräber sind in diesem Sinne Häuser der Toten und die Grabsteine gegen die bloße Vergänglichkeit und das reine Vergessen. Bei der Gestaltung des Begräbnisses und des Gottesdienstes wird der Wille des Verstorbenen berücksichtigt, der musikalische Beitrag kann aus geistlichen, aber auch aus weltlichen Liedern bestehen. Auch die Form der Beisetzung ändert sich, Urnenbestattungen nehmen weit mehr als die Hälfte ein, anstelle von Friedhöfen gibt es neben der Seebestattung auch Friedwälder.

Große Familiengräber nehmen durch die Mobilität und kleineren Familien immer mehr ab, aber "Ort und Platz eines Toten sind unglaublich wichtig", hebt Pastor Heitmann hervor, "die Gräber werden häufig besucht, das Grab für die Trauer hilft." Vielen Menschen fällt es schwer, das Abschiednehmen bewusst zu gestalten und sich dem Schmerz zu stellen. "Die Rituale der Trauerbräuche und die damit verbundene Weißheit, die in ihnen steckt, kann man sich nicht mehr zunutze machen. Es fehlt das Geländer, durch das man geht", so der Pastor. "Kaum noch Tradition hat der Trauerbrauch, als Signal für einen Schutz nach drinnen und nach draußen ein ganzes Jahr lang Schwarz zu tragen." Aber immer noch wirken Angehörige symbolisch am Begraben mit, indem sie Erde auf den Sarg werfen oder das Loslassen körperlich erfahren, wenn sie zum Beispiel eine Blume ins Grab werfen. Das Grab ist auch ein geeigneter Ort, um den Kontakt zu einem Toten zu suchen. "Die Beziehung ist da, sie bleibt, aber sie ändert sich nur", so der Pastor.

Der Monat November ist der Trauerarbeit gewidmet: Zunächst am Volkstauertag, und danach - immer an dem Sonntag vor dem ersten Advent - folgt der Ewigkeitssonntag, im Volksmund auch Totensonntag genannt. Mit diesem Feiertag als Kultur der Erinnerung schließt das Kirchenjahr. Bei der Erinnerung an die Verstorbenen kommt ein tiefes menschliches Bedürfnis zum Ausdruck: Die Erinnerung und die Trauer mit dem Blick auf die Toten, die Friedhöfe werden besucht und die Gräber für den Winter geschmückt.

In der Kirchengemeinde Trittau hat es in diesem Kirchenjahr 2006 86 Beerdigungen gegeben. Mit persönlichen Briefen werden die Angehörigen für den Gottesdienst am Ewigkeitssonntag eingeladen. "Die Angehörigen nehmen den Besuch gerne wahr, so Pastor Heitmann weiter. "Die Trauer hat immer weniger Raum." In der kummervollen Zeit sei jeder auf sich gestellt, ziehe sich immer mehr in Nischen zurück, lebt sein Leben. "Es fällt ihm schwer, darüber zu reden. Dabei sind Gespräche unglaublich wichtig", gibt Pastor Heitmann zu bedenken. Jedem Trauernden stellt die Kirche zu jeder Zeit ihre Begleitung zur Verfügung, es gibt aber auch einen Trauerkreis, der bewusst sagt: "Trauer hat seine Zeit..." Alle vierzehn Tage donnerstags von 15 bis 17 Uhr trifft sich der Trauerkreis im Bugenhagenheim. Er wird von Ursula Schmidt geleitet und ist nicht an Konfessionen gebunden.

(Interview mit Pastor Heitmann / MARKT November2006)

Hoffnungsübung am Sarg

Der Siebenjährige folgt gebannt dem Geschehen. Sein Blick geht vom Sarg zur Pastorin und wieder zum Sarg. Er sieht sich die Blumengestecke an und ist erstaunt über die Traurig­keit um ihn herum. Plötzlich, wie aus heiterem Himmel, lautes Schluchzen. Der Junge schüttelt sich. Ihm ist klar geworden, die Oma kommt nicht wie­der. Der Vater legt den Arm um ihn. Nach zwei Minuten sind die Tränen getrocknet. Er hat sich beruhigt und grinst ein bisschen. Ich atme auf. Als würde in kürzester Zeit die Trauer durchlebt. Alles hat seinen Platz hier am Sarg.

Doch die Plätze am Sarg bleiben zunehmend leer. In der Zeitung lese ich unter Familienanzeigen: „Abschied in aller Stille." Oder: „Im engsten Fa­milienkreis." Das hört sich nach ge­schlossener Gesellschaft an. Dabei hat jedes Gemeindeglied doch das Recht auf eine christliche Trauerfeier. „Gott, was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?" betet der 8. Psalm. Warum verzichten Angehörige auf die gemein­same Gedenkfeier? Der Tod mutet Menschen viel zu. Tod und Traurigkeit möglichst privat zu bewältigen scheint mir auf Dauer eine noch größere Zu­mutung zu sein.

Nichtsdestotrotz versicherte mir eine Witwe, alle ihre Bekannten wün­schten sich die allerkürzeste Form des Abschieds. „Urnenabtrag ab Kapelle" nennt sich das im Fachjargon. Ohne Ansprache, höchstens zehn Minuten. In aller Stille. Im besten Fall begleitet noch die engste Familie den Toten. Was das für weitere Trauernde bedeu­ten kann, sprach ein 63-Jähriger aus: „Wir durften nicht dabei sein. Ich kann es noch gar nicht begreifen." Er hätte seinem Freund gerne die letzte Ehre erwiesen, sagt er. Welche Spuren ein Mensch im Leben hinterlässt, lässt sich offensichtlich schwer einschätzen. Die Kinder einer Verstorbenen rech­neten mit 20 Trauergästen. Bei der Trauerfeier war die Kirche voll. Die Familie war gerührt.

Ich glaube, für eine lebenshung­ rige Gesellschaft ist eine öffentliche Trauerfeier auch eine Hoffnungs­übung. Man kann ein Ritual einüben, das dem Tod die Macht nimmt und das Leben stark macht. Oder wie es im 90. Psalm heißt: „Gott, lehre uns be­denken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden."

Anja Blös, Pastorin an St.Nikolai Finkenwerder und Moorburg / bloes.finkenwerder@kirche-hamburg.de
(Hamburger Abendblatt 15.07.2012)

Schweres teilen: Von der Last des Abschieds

Immer wieder müssen wir Ab­schied nehmen und sind doch so ungeübt darin: von ganz nahe stehenden Menschen, von Ver­wandten, Freunden, Bekannten, vielleicht Kollegen oder jemandem aus der Nachbarschaft. Manchmal berühren auch Abschiede von öf­ fentlichen Personen das Herz: eine Sängerin, deren Lieder das eigene Leben begleiteten, oder ein Schrift­ steller, dessen Bücher und Gedich­te mir wichtig waren.

Leicht fällt solches Abschiedneh­men nicht, vor allem, wenn man aus der Nähe miterlebt hat, wie ein Mensch seinen letzten Weg geht. Wenn man erfahren hat, wie einem selbst die Krankheit, das Leiden, der Schmerz zu Leibe rücken. Wenn man dabei stand, als sich der Sarg senkte und das Gefühl hatte, dass sich da eine Tür für immer schließt, dass ein Platz nun leer ist. Das ist schwer. Mancher sagt: „Das liegt wie Blei auf der Seele" und glaubt: „Diese Last kann ich nicht tragen". Die Last: Das ist ja auch die Wahrheit, jedenfalls ein Teil der Wahrheit. Man kann nicht vor ihr davonlaufen, sie nicht umdeuten oder beschönigen. Man kann sie auch nicht wegpredigen. Trauernde sagen mir oft, dass es am schwersten wurde, als die Welt außen herum wieder in ihren gewohnten Rhythmus fiel, als scheinbar alles weiter lief wie vorher und man selbst doch den Eindruck hatte, als sei eine Uhr stehen geblieben.

Trauer braucht Zeit. Jeder sollte sich die Zeit nehmen dürfen, die er oder sie braucht. Jeder soll so trauern dürfen, wie es ihm gut tut. Die Last ist da, das Schwere bleibt zurück. Aber dass die Last nicht erdrückt, dagegen kann man etwas tun. Gemeinsam trägt es sich leichter. Es ist so wichtig, dass wir Menschen auch schwere Wege miteinander gehen, dass wir uns das Schwachwerden erlauben, miteinander aushaken und den Ab­schied von einem lieben Menschen bewusst gestalten: Geben Sie der Trauer und der Erinnerung an den Verstorbenen Raum! Blicken Sie zurück auf das Leben, das Sie und die Menschen, die Sie in Ihrer Trau­er begleiten, mit Ihrem Sterbenden und dem Verstorbenen haben und hatten - mit seinen Sonnen- und Schattenseiten. Ermutigen sie ein­ander, davon zu erzählen, zu klagen über Verlorenes, Versäumtes und schuldig Gebliebenes; zu danken für Gehabtes, Geschenktes und Geteil­tes, zu fragen, was bleibt.

Dies alles entspricht unserer Trauerkultur und christlicher Todesdeutung und ist auch Teil unserer kirchlichen Trauerfeiern, deren Inhalt aber auch darüber hinaus geht: Nach christlicher Auffassung stirbt ein Mensch, weil er nicht Gott ist, sondern ein Geschöpf, dessen Leben begrenzt und endlich ist. Wir leben, weil Gott uns das Le­ben geschenkt hat - und deshalb hat jeder Mensch eine gottgege­bene, unantastbare Würde. Mein Leben erhält Sinn und Wert nicht aus dem, was ich geleistet und erworben habe, sondern daraus, dass Gott mich geschaffen, geliebt und mir Gemeinschaft mit ihm und anderen Menschen ermöglicht hat. Und wenn unser zeitliches Leben endet, wird es nicht vom Nichts verschluckt, sondern - so begrenzt und bruchstückhaft es gewesen sein mag - vollendet, indem es Anteil am ewigen Leben Gottes erhält. Wir sind aufgehoben in Gottes Hand in Zeit und Ewigkeit: Welch ein tröstlicher Gedanke! Deshalb geben wir Christen unse­ren Verstorbenen die letzte Ehre und das letzte Geleit der Bestat­tung. Wir vertrauen die Verstorbe­nen Gott an und stellen die Toten und uns selber unter Gottes Segen. Wir pflegen das Totengedenken und blicken im Licht des Glaubens auf die Lebensgeschichte der Ver­storbenen zurück. Und die Ge­meinschaft mit anderen Menschen bei der Beerdigung und in der Zeit der Trauer lässt die schwere Last des Abschieds ein wenig erträgli­cher werden und hilft, den Weg zu einem neuem, veränderten Leben zu erleichtern.

Die Zusage Jesu Christi gilt für die Toten und die Lebenden: „Ich lebe und Ihr sollt auch leben!"

Pastorin Anke Schäfer