Aufmerksamkeit

Pastorin Anke SchäferWenn
Jesus etwas besonders gut konnte, dann war es das Stehenbleiben, das
Aufmerken, das Wahrnehmen anderer Menschen. Wir haben ja oft nicht
die Zeit, bei jedem fragenden Blick und jeder bittenden Geste
stehenzubleiben. Oft interessieren uns andere nicht. Oft sind wir zu
sehr mit uns beschäftigt.
Das
sah bei Jesus ganz anders aus. Mit offenen Augen und wachen Ohren ist
er unterwegs. Ungemein interessiert am Schicksal anderer Menschen. So
gelangt er eines Tages mit seinen Freunden in die Nähe von Jericho.
Da war ja schon einmal ein Wunder geschehen. Scheinbar
undurchdringliche Mauern fielen zusammen (vgl. Josua 6). Und dann war
der Weg zu einem neuen, luftdurchlässigen Leben frei. Heute also
wieder: Jericho. Die äußeren Mauern sind zwar weg, aber die Mauern
in unseren Köpfen stehen noch ...
Der
Reihe nach: Da sitzt ein blinder Mensch am Weg. Wir sehen ihn, er
sieht uns nicht. Er ist auf seine Umgebung angewiesen, wir aber
längst nicht auf ihn. Jemand muss ihn am Bordstein abgesetzt haben,
denn dort hockt er jetzt - und bettelt. Er bettelt uns an. Vor ihm
die Mauer der undurchdringlichen Dunkelheit, hinter ihm auch. Nur
hören kann er noch. Und er hört ungewöhnliches. Jericho ist so
belebt wie sonst nicht. Und: Neugierig ist er geblieben. Mehrmals
muss er nachfragen, dann bekommt er die lapidare Antwort: „Jesus
von Nazareth geht vorbei." Lapidar? Der Blinde spürt, er ahnt, er
weiß: Das ist die große Chance! So oft kommt die nicht wieder. So
schnell kommt Jesus nicht noch mal vorbei. Sehen und Handeln kann er
nicht, was er aber kann, das setzt er mit allen Kräften ein. Er
schreit, lauthals: „Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner."
Ich denke, das Schreien ist ja schon ganz schön gewagt. Aber der
Inhalt des Schreiens noch viel mehr: Er packt Jesus bei seinem
Ehrentitel. Das ist ja - in seinen blinden Augen (!) - nicht nur
der Sohn des Zimmermanns Josef aus Nazareth, nein, da geht der
leibhaftige Sohn Davids aus Bethlehem vorbei. Aber die Schweigemauern
Jerichos sind hoch. Sein verzweifelter Schrei prallt an ihrem bösen
Echo ab: „Schweig still!" Aber er ruft nur noch lauter: „Erbarme
dich meiner!"
Und
jetzt kommt´s: Jesus geht nicht weiter. Der Sohn Davids weiß, was
sich gehört. Er bleibt stehen.
Tun
wir es ihm nach! Stehenbleiben, ein paar Minuten wenigstens, bei
denen, die rufen. Und dann den wertvollen Menschen herholen lassen.
Und dann ansehen, wahrnehmen und fragen: "Was willst du?"
„Und
da können Sie mir sagen was Sie wollen, alle Menschen werden im
Augenblick ganz andere Menschen, wenn sie merken, da ist plötzlich
jemand, der oder die sich für alles, was ich so mache,
interessiert." (Hans Dieter Hüsch)
Schon
der Glaube daran hilft allen Beteiligten weiter. Dem Blinden und
uns. Gott sei Dank!
Pastorin Anke Schäfer, Trittau
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